Bundesamt für Naturschutz

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Ursachen und Handlungsbedarf

Ursachen des Insektenrückgangs

Vielfältige Faktoren beeinflussen den Bestand und die Artenvielfalt von Insekten. Grundlage der folgenden Auflistung der Gefährdungsursachen sind die Roten Listen und weitere Publikationen und Analysen des BfN.

Vergrößerung der Siedlungs- und Verkehrsfläche

Die Ausdehnung von Siedlungs- und Verkehrsflächen führt direkt und indirekt zu dem Verlust und Veränderungen von Lebensräumen. Der jährliche Zuwachs an Siedlungs- und Verkehrsfläche hat sich in Deutschland in den letzten Jahren zwar deutlich abgeschwächt. Im Jahr 2015 lag dieser Zuwachs jedoch noch bei 61 ha pro Tag gegenüber 120 ha pro Tag im Jahr 1996.

Nutzungsbedingte Veränderungen von Lebensräumen

Eine der Hauptursachen für den Insekten-Rückgang ist der direkte Verlust von Lebensräumen, besonders durch nutzungsbedingte Veränderungen. Durch das Verschwinden von Streuobstwiesen, Hecken, gestuften Waldrändern und Gewässersäumen, durch den Grünlandumbruch, durch die Nutzungsaufgabe bisher noch extensiv genutzter Offenlandflächen und durch die gezielte Aufforstung von Offenland verlieren viele Insektenarten wichtige Lebensräume. Durch die Zerstörung von Gewässern aufgrund von Verbau oder Trockenlegung sind besonders Arten mit aquatischen Larvenstadien betroffen.
Die Intensivierung der Nutzung, etwa durch häufigere und großflächige Mahd von Wiesen, die Entfernung von Randstrukturen oder eine intensivere Beweidung, führt zum Teil zu schwerwiegenden Veränderungen von Insekten-Lebensräumen.


Die Intensivierung der Landwirtschaft wirkt sich auf die Insektenvielfalt aus. (Foto: Dominik Martin / Unsplash)
Die Intensivierung der Landwirtschaft wirkt sich auf die Insektenvielfalt aus. (Foto: Dominik Martin / Unsplash)

Pflanzenschutzmittel

Pflanzenschutzmittel können auch für Insekten, die nicht Ziel der Anwendung sind, tödlich sein oder zu Schädigungen sowie zu Orientierungsstörungen und Verhaltensänderungen führen. Pestizide können indirekt die Qualität der Lebensräume und die Nahrungsgrundlage der Insekten beeinflussen. Vielfältige Ackerbegleitkräuter sind für Insekten eine Lebensgrundlage in Kulturbeständen, die auch nach der Blütezeit der Hauptkultur wie Raps als Nahrungsgrundlage zur Verfügung stehen. Großflächig und häufig eingesetzte Breitbandherbizide wie Glyphosat vernichten die Ackerwildkrautvegetation und damit zugleich diese Nahrungsgrundlage für viele Insekten.

Mehr über die Auswirkungen des Pestizids Glyphosat auf die Biodiversität im Positionspapier des BfN

Überhöhte Nährstoffeinträge und Eintrag von Schadstoffen und Sedimenten

Durch den überhöhten Stickstoffeintrag aus der Düngung (v.a. Mineraldünger, Gülle) und aus der Luft kommt es zu einer Eutrophierung (Nährstoffanreicherung) von Gewässern und Böden. Dadurch reduziert sich die Pflanzenvielfalt und in Folge dessen auch die Insektenvielfalt, da die Tiere wichtige Futter- und Nektarpflanzen verlieren. Der erhöhte diffuse Eintrag, das heißt der Eintrag von organischen Nährstoffen wie Phosphor und Stickstoff aus nicht punktgenau definierten Quellen z.B. durch eine landwirtschaftliche Nutzung der Umgebung, führt in Gewässern zu einer zunehmenden Anreicherung mit Nährstoffen (Eutrophierung). Die typischen Folgen von Eutrophierung sind Algenblüten in Stillgewässern und der darauffolgende Sauerstoffmangel. Der diffuse Nährstoffeintrag wirkt sich damit besonders auf die wasserbewohnenden Insektenarten aus. Derzeit beträgt in Deutschland der Flächenbilanzüberschuss an Stickstoff je nach Standort zwischen 60 und 120 kg/ha und liegt im Durchschnitt bei 70 kg/ha.

Lichtverschmutzung

Besonders auf in der Nacht fliegende und sich an den Gestirnen und dem Mond orientierende Insekten kann zudem die fortschreitende Lichtverschmutzung einen starken Einfluss haben. Durch künstliche Lichtquellen werden diese Insekten angezogen und in ihrer Orientierung gestört oder an der Lichtquelle getötet bzw. in ihr gefangen. Es konnte etwa nachgewiesen werden, dass eine einzige Straßenlaterne in Bachnähe in einer Nacht so viele Köcherfliegen anlockt, wie am Bachufer über eine Länge von 200 Metern in der gleichen Zeit schlüpfen.

Handlungsbedarf

Um dem bereits seit langem zu beobachtenden Insektenrückgang entgegen zu wirken ist eine Vielzahl und Kombination an Maßnahmen erforderlich. Einer naturverträglichen Landbewirtschaftung kommt dabei aufgrund des großen Anteils bewirtschafteter Flächen in Deutschland eine Schlüsselrolle zu.

Lebensräume erhalten, verbessern und neu schaffen

Wichtigstes Ziel muss sein, den Verlust der Lebensräume (Habitate) zu stoppen, ein vielfältiges Landschaftsmosaik zu erhalten bzw. zu schaffen sowie vor allem die Qualität der Lebensräume zu verbessern. Der Erhalt von Übergangsstrukturen, wie Wald- und Ufersäumen, die Anpassung der Bewirtschaftungshäufigkeit und eine kleinräumige Bewirtschaftung von Flächen sind Beispiele für Insektenvielfalt fördernde Maßnahmen im Offenland. Pufferstreifen, u.a. um Schutzgebiete müssen ebenfalls, wie der Biotopverbund und die grüne Infrastruktur, weiter verbessert werden.

Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren und Umsteuern der Agrarpolitik

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist schnell zu reduzieren und in Schutzgebieten und Gewässerrandstreifen gänzlich zu unterlassen. Auf biodiversitätsgefährdende Wirkstoffe, wie Neonikotinoide oder Glyphosat ist zu verzichten.
In den Prüfungen und Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel werden die großflächigen Auswirkungen von Insektiziden und Herbiziden auf die Artenvielfalt bisher noch zu wenig berücksichtigt. Die Zulassungen von Pflanzenschutzmitteln müssen noch stärker mit Auflagen zur Reduzierung der Auswirkungen auf die biologische Vielfalt und Ökosysteme verbunden werden. Landwirte sollten außerdem genauer, d.h. schlagspezifisch, dokumentieren müssen, wo genau sie wann und wie viel von welchem Spritzmittel einsetzen – das würde Ursachenanalysen wesentlich erleichtern.
Über einzelne Maßnahmen hinaus bedarf es eines grundlegenden Umsteuerns der Agrarpolitik zu mehr Naturverträglichkeit sowie einer effizienten Honorierung ökologischer Leistungen.

Lichtverschmutzung reduzieren

Zur Reduktion der Lichtverschmutzung sind Beleuchtungslösungen im öffentlichen und privaten Raum zu entwickeln, die sowohl eine technische Verbesserung (Wellenlänge, Farbtemperatur, Lichtintensität, Strahlungsrichtung) wie auch die intelligente Steuerung (Beleuchtungsdauer, Nachtabsenkung) der Beleuchtung berücksichtigen.

Ursachen des Insektenrückgangs intensiver erforschen

Die Erforschung der Ursachen des Insektenrückgangs muss intensiviert werden, um weitergehende Kenntnisse zu den Ursachen zu gewinnen und um neben den genannten spezifischere Maßnahmen gegen den Rückgang einleiten zu können. Um bundesweite Daten zur Verbreitung, zu Bestandsgrößen sowie Bestandsveränderungen und -trends von Insekten zu erhalten, sind sowohl die Erfassung und Erforschung der Arten wie die Einrichtung eines bundesweiten Insektenmonitorings notwendig.

Austausch unter Expertinnen und Experten stärken

Wesentlich ist auch die Förderung von Bildung zu Naturschutz und biologischer Vielfalt. Neben der universitären Bildung zählen hierzu auch die Stärkung von Expertennetzwerken und die Unterstützung ehrenamtlichen Engagements.

Letzte Änderung: 11.06.2018

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